…Nähe und Freiheit.
Alle Eltern, die ich kenne, wünschen sich eine liebevolle Beziehung zu ihrem (ungeborenen) Kind.
Um diese aber zu erreichen, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein.
Wichtig sind:
- eine gute Bindung,
- ein respektvoller Umgang mit dem Kind,
- die Befriedigung der Grundbedürfnisse.
Zu den Grundbedürfnissen des Babys zählen nicht nur Essen und Schlafen.
Ganz essenziell ist der Körperkontakt.
Dieses Bedürfnis ist so alt, dass es zum gemeinsamen Erbe mit unseren nächsten Verwandten im Tierreich zählt, den Primaten.
Genauso, wie das Gorilla-Baby getragen wird von seiner Mutter, möchten auch Menschenbabys ständigen Körperkontakt – sie sind Traglinge.
Aber heutige Eltern leben in einem Umfeld, das sie vor ein Dilemma stellt: Die Grundbedürfnisse des Kindes (stetiger Zugang zu Nahrung, ständiger Körperkontakt) kollidieren oft mit den Bedürfnissen der Eltern. Und dann gesellt sich dazu noch oft der Babyschock, denn die Eltern haben oft gerade beim ersten Kind keine Erfahrung mit Babys – Das eigene Baby ist oft das erste, das sie im Arm halten. Außerdem ist unser Bild vom Alltag mit Babys durch die Medien geprägt und daher sehr unrealistisch. Dazu kommen dann noch Erwartungen von außen:
Das Kind soll man nicht verwöhnen!
Es soll früh selbstständig werden!
Und all das, damit es fit ist für die “Ellenbogen-Gesellschaft”.
Daher sind junge Eltern oft verunsichert und denken: “Wir machen etwas falsch!”.
Liegt das Baby nicht zufrieden im Bettchen, wie anscheinend alle Kinder im Bekanntenkreis, ist die Unsicherheit da. Aber auch wenn man sich um das Kind kümmert (Stillen nach Bedarf, Körperkontakt), kommt oft der Gedanke: “Erziehen wir unser Kind nicht zu einem egoistischen Tyrannen?”
Eine Lösung dieses Dilemmas kann sein: Tragen im Tuch.
Die wesentlichen Bedürfnisse sind erfüllt. Das Baby spürt
Nähe,
Wärme,
hört vertraute Stimmen,
spürt Bewegung.
Es kann direkt an vertraute Erfahrungen aus dem Mutterleib anknüpfen.
Aber auch neue Reize gibt es zur Genüge: Es sieht, was die Mutter macht, fühlt ihre Haut und Bekleidung, lernt neue Menschen kennen. All dies geschieht von einem sicheren Standpunkt aus, wobei die Reaktion der Mutter dem Baby auch sehr hilft, Situationen einzuschätzen.
Die Nähe im Tuch ist sehr eindeutig. Aber wie sieht es mit der Freiheit aus? Wie soll die gegeben sein, wenn das Baby immer so nah an Mutters Körper ist?
Doch, gerade im Tragetuch hat das Baby eine große Freiheit: Wenn es genug hat von all den neuen Eindrücken, kuschelt es sich einfach an den Körper der Mutter und schläft ein. Aber auch wenn es satt ist von der körperlichen Nähe, spätestens, wenn der Bewegungsdrang (krabbeln und laufen) größer wird, kann es sehr gut ausdrücken, was sein Bedürfnis ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Ein Kind, das partout nicht ins Tuch will, kann man höchstens für kurze Zeit ins Tuch binden.
Nun haben wir viel über die Bedürfnisse der Kinder gesprochen. Aber auch die Eltern haben berechtigte Interessen.
Die Nähe zum Kind ist für sie genauso wichtig wie für das Baby. Auch die Mutter kann so an vorgeburtliche Erfahrung anknüpfen. Sie kennt schon neun Monate das Gefühl der innigen Verbundenheit. Und für den Vater bietet das Tuch eine tolle Möglichkeit, seinem Kind nahe zu kommen.
Das Tragen kann bei schwierigen Rahmenbedingungen helfen. Als Stichworte nenne ich hier nur einen komplizierten Schwangerschaftsverlauf (körperlich oder psychisch) oder eine schwere Geburt. Für Adoptiv- oder Pflegeeltern kann so das Bilden einer guten Bindung wesentlich erleichtert werden.
Und auch hier spielt der Aspekt der Freiheit eine Rolle: Die Eltern gewinnen enorm an Bewegungsfreiheit: Zwei Hände sind frei für die Erfordernisse des Alltags.
Haushalt oder ältere Geschwister können versorgt werden. Treppen oder enge Wege sind kein Hindernis mehr, sondern können geradezu spielend bewältigt werden.
Was vielleicht noch wichtiger ist: Der Kopf wird frei. Die Gedanken sind nicht fixiert auf das Kind (“Geht es ihm gut?” “Hoffentlich schläft es noch, bis der Abwasch erledigt ist!”). Denn die Mutter spürt ja, dass es dem Kind gut geht.
Ein wichtiger Aspekt ist für mich auch, dass ich ein Kind im Tuch anders wahrnehme. Es ist im buchstäblichen und übertragenen Sinn auf einer Augenhöhe mit mir, ich teile mit ihm die Perspektive.
Das Baby sieht nicht nur das Kinderwagenverdeck oder Beine von Erwachsenen, sondern begegnet von Beginn an Menschen auf gleicher Höhe. Man redet nicht über das Kind, sondern mit dem Kind.
Das Tragetuch ist also ein ideales Hilfsmittel, die Bedürfnisse von Eltern und Kindern zu vereinbaren.
Copyright © Astrid Ahlers, Trageberaterin bei rabeneltern.org, 2009
Quelle: Anahita Verlag